Wald in der City

first_class_08_2016

Wald in der City W as ist eigentlich ein Kobel? Und welche Pflanze wächst auf welchem Boden? Ein Hotelaufenthalt gibt dem Gast selten die Möglichkeit, sich über ein bestimmtes Thema zu informieren. Anders im Hamburger Raphael Hotel Wälderhaus. Namensgemäß steht hier der Wald im Mittelpunkt. Doch hinter der Fassade präsen-tiert sich kein klassisches Holzinterieur. Vielmehr sind die Wände aus Stahlbeton, und die Decke verbirgt keines ihrer technischen Geheimnisse. Der Mix aus Holzhaus und Industriebau beglei-tet den Gast auf Schritt und Tritt. „Das Wäl-derhaus ist die Verbindung aus dem ‚Science Center‘ – einer Ausstellungsfläche –, dem Ho-tel, Tagungsräumen und dem Restaurant Wil-helms“, erzählt Hoteldirektor Marc Dechow, der zugleich seit zwölf Jahren ein weiteres Hotel der Raphael- Gruppe, das Best Western Hamburg In-ternational, Pädagogische Angebote und ein vielseitiges Energiekonzept machen die Natur im Hamburger Wälderhaus zum Star. leitet. Im Komplex ist er ausschließlich für das Hotel zustän-dig – Science Center, Restaurant und Ta-gungsräume bespielt die Schutzgemein-schaft Deutscher Wald. Das Wälderhaus entstand Ende 2012 als Exzellenzprojekt der Internationalen Bauausstellung im Stadtteil Wilhelmsburg. „Die Erfahrung der Raphael Hotels und unsere Offen-heit für individuelle Konzepte über-zeugte den Investor Schutzgemein-schaft Deutscher Wald“, erinnert sich Marc Dechow. Gemeinsam lebt man nun den Naturgedanken – nicht nur in der Ausstellung, sondern auch im Energiekonzept des Hau-ses. Die oberen drei Etagen, die 82 Hotelzimmer umfas-sen, wurden komplett aus Holz errichtet und erfüllen den Passivhausstandard, d. h. aus dem Gebäude ent-weicht nur minimal Wär-me. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss sind aus Brandschutzgründen in Stahlbeton ausgeführt. Ökologischen Strom liefert ein Biomethan-Blockheiz- kraftwerk. Zusätzlich setzt das Wälderhaus auf eine Photovoltaikanlage und Geothermie: 100 Pfähle bohren sich unter dem Haus in die Erde und leiten mittels einer Wärmepumpe die Temperatur des Bodens ins Gebäude. Zudem sor-gen 9.000 Pflanzen auf dem Dach für eine gute Isolierung und holen die Natur ans Haus – ebenso wie die begrünte Fassade. Auch bis ins Innere ist die Natur vorgedrun-gen. Denn jedes der 82 Zimmer thematisiert einen Baum, und so steht z. B. im Zimmer „Esche“ der Ast eines Exemplares, neben dem eine Infotafel über die Esche infor-miert. Die kleinen Details fügen sich har-monisch in die Zimmer, deren Wände aus unbehandeltem Fichtenholz gefertigt wur-den, das man einfach berühren und riechen möchte. Noch mehr Natur-Feeling vermit-telt ein Rundgang durch das Science Cen-ter, in dem man kurz eine andere Welt mit Naturgeräuschen, echten Baumstämmen und Waldboden betritt. „Nicht nur Kinder-gruppen knüpfen hier spielerisch Kontakt mit der Natur, auch Seminarteilnehmer ver-gessen die Zeit“, erzählt Marc Dechow, wäh-rend er die Stationen erklärt, die gerade von einer Gruppe des Rauhen werden. Und er weiß: Hauses erkundet Wer ein Hotel in energie diesem Kontext führt, tut gut daran, sozial engagiert zu sein – in seinem Fall z. B. als Präsident des Lions Club, der Kinder und Jugendliche unter-stützt. Auch die Gäste sollten sich auf hoteluntypische Momente einstellen – einen gediegenen Empfangsbereich gibt es nicht, dafür herumwuselnde Kinder. Neben Geschäftsleuten kom-men am Wochenende Touristen, die die Innenstadt in zehn S-Bahn-Minuten er-reichen. „Wir wussten am Anfang selbst nicht genau, wer unsere Gäste sein wer-den“, verdeutlicht der Hoteldirektor den experimentellen Charakter des Projekts. Diesen spürt man auch bei der Mitarbeiterwahl: Seit dem Sommer 2015 arbeiten acht Menschen mit Behinderung in Vollzeit im Science Center, dem dazugehörigen Shop und teilweise in der Haustech-nik. Vermarktet wird das Wälderhaus sowohl von den Raphael Hotels als auch über die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Dass das Konzept Erfolg hat, zeigen rund 80 % Auslastung und die Zukunftspläne: Wenn alles passt, kann 2017 ein Anbau mit 40 weiteren Hotelzimmern sowie mehr Tagungs- und Ausstellungsfläche entstehen. „Denkbar ist, die Gebäude mit einem Tunnel zu verbinden, der den Wald von unten abbildet“, wagt Marc Dechow einen nachhaltigen Ausblick. jus Foto: Raphael Hotel Wälderhaus Raphael Hotel Wälderhaus 21109 Hamburg www.raphaelhotelwaelderhaus.de 8/2016 43


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