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Foto: privat für nur einige Stunden. Die begleitende Dame, wesentlich jünger, einen Kaugum-mi kauend, tritt nun neben ihn, spricht den Herrn mit Schätzchen an und fragt, ob sie schon vorab aufs Zimmer kann, da sie zur Toilette müsste. Sie trägt, außer wenig Be-kleidung, nur ein kleines Handtäschchen. Der Herr bittet sie, sich kurz zu gedulden, da man noch beim Einchecken ist. Waldorf Astoria Berlin Es ist 13.15 Uhr. Wir nutzen den Haupt-eingang. Die Doormen ignorieren uns, sie sind in ihren Gesprächen vertieft. Wir passieren und bekommen am Desk von Frau G. sofort ein Standardzimmer zu 125 E bis 18/18.30 Uhr angeboten. Es ist für sie kein Problem, dass wir zu zweit sind. Sie ist freundlich und lässt sich nichts anmerken. Auch meine Begleitung lächelt sie nett an. The Ritz-Carlton, Berlin Hier wird um 12.20 Uhr meine Begleiterin, die das Hotel zunächst alleine betritt, sehr höflich vom Doorman begrüßt. Frau F. be-grüßt uns beide am Desk und bietet uns zügig ein Zimmer an. Auf meinen nach-drücklichen Hinweis, dass ich das Zimmer nur einige Stunden brauche, gibt es einen Blick-Gedanken-Austausch mit dem Kol-legen, der neben ihr sitzt. Auch er gibt sein Okay. Wir könnten einchecken. Steigenberger Hotel Berlin Vor dem Hotel hört man außer Vogel-gezwitscher nichts vom regen Treiben in der Nähe des Kudamms. Ich gehe auf das Desk zu, wo man sich angeregt un-terhält, laut lacht und flachst. Ich spreche 13.35 Uhr eine blonde Dame an. Das Na-mensschild ist, wie oft, für Gäste kaum lesbar. Sie bietet mir ein Zimmer zur Ta-gesrate von 165 E auf der Executive-Etage an. Sie bedauert, den vollen Preis berech-nen zu müssen, da das Zimmer abends nicht mehr gereinigt würde. Den Hinweis, dass das Zimmer über ein großes Bett mit 180-cm-Breite verfügt, finde ich charmant, angesichts der Anfrage. Sofitel Berlin Kurfürstendamm Ein Doorman ist nicht zu sehen, und ich betrete 13.43 Uhr das Hotel. An dem rela-tiv kleinen Desk ist man zu zweit, und ich wende mich mit meiner Zimmeranfrage an Frau Sch. Sie schaut auf ihren Bildschirm und stellt u. a. fest, dass es heute in Ber-lin eng ist. Sie bietet mir ein Zimmer zu 215 E an, und ich muss nachfragen, ob es mit oder ohne Frühstück ist. Sie bestätigt, dass es ohne Frühstück wäre, da ich das Zimmer ja nur einige Stunden benötige. Als sie meine Begleiterin nun richtig wahr-nimmt, sehen wir ein Augenrollen, wie im gesamten Test nicht nochmals. Das sprach Bände. Sie geht nun kurz zum Backoffice, nachdem sie die besondere Situation er-fasst hat, kommt kurz darauf zurück und bleibt bei ihrem Angebot. Nun sind wir keck und fragen, ob sie ein Problem in der mitgebrachten Dame sieht. Sie überlegt kurz und sagt wörtlich: „Kein Problem, jeder, wie er will.“ Wir bedanken uns und verabschieden uns. Lindner Hotel Am Ku‘damm Etwas versteckt, neben dem Kranzler, betreten wir um 13.57 Uhr das Vier-Sterne-Hotel. Man wartet hier zu zweit am Desk und Herr B. nimmt sich meiner an. Etwas wortkarg beginnt er das Verkaufsgespräch. Nachdem er feststellt, dass er keine Zimmer mehr frei hat, bietet er eine Suite an. Vielleicht um uns abzuwimmeln? Falsch gedacht, denn wir bekom-men diese Suite bis 19 Uhr für 95 E. Und dies an einem Tag, wo das Portal Hotel.de nur noch ein Zimmer im Waldorf und eines in einer Zwei-Sterne-Pension anbieten konnte. Der Preis in dieser Pensi-on betrug 500 E! Dies zur Nebeninfo. Auch Herr B. hat, als wir gezielt nachfragen, kein Problem mit meiner Begleiterin. Kurz und knapp verneint er jegliche Abneigung. Scandic Berlin Potsdamer Platz Außerhalb unseres Tests. Hier haben wir übernachtet und uns sehr wohl gefühlt. Am Sonntag früh, habe ich die junge MOD nach dem Auschecken zu diesem Thema kurz interviewen dürfen. Sie bestätigt, dass es in ihrer Company keine klare Or-der gibt. Die FO-Mitarbeiter mögen selbst nach eigenem Ermessen entscheiden. Resümee Was für eine Überraschung! Nicht der An-satz von Ablehnung. Wir hätten in jedem Hotel ein Zimmer bekommen. Damit hat-ten wir bei der Deutlichkeit in der Darstel-lung der Prostituierten nicht gerechnet. Und wir fragen uns, ob dies tatsächlich so von der Hotelleitung gewünscht bzw. ge-duldet ist. Gibt es gar keine Order? Eine Rückversicherung? Wir wissen sehr wohl, wie heikel dieses Thema ist, und wir wol-len hiermit auf keinen Fall eine Diskussion auslösen, die auch zu keinem verwertba-ren Ergebnis führen würde. Wir können heute längst nicht mehr Gäs-te nach ihrem Äußeren beurteilen oder uns gar ein Urteil über sie bilden. Als wir vor einigen Monaten im Waldorf in Berlin übernachteten, haben uns optisch jene Gäste mehr gestört, die sich in Badeschlap-pen, mit kurzen Hosen und Muskelshirts im Frühstücksraum aufhielten. Sind Anzug oder Jacket zum Dinner, leihweise Kra-watten beim Restaurantbesuch out? Wie ist Ihre Strategie in Ihrem Haus? Gibt es eine solche überhaupt? Oder haben wir längst aufgegeben? Diese drei Fragen sollten wir in der Füh-rung beantworten können. Und es fallen mir spontan jene Werbeslogans ein, die da teilweise lauten: „Fühlen Sie sich wie zu Hause, …wie daheim, Ladies und Gentleman…u. ä.“ Bleiben noch ein paar Hinweise: Prü-fen Sie die Lesbarkeit Ihrer Mitarbeiter- Namensschilder vor allem am Desk. Und wenn es keine Order für Ihre Mitarbeiter wie bei den geschilderten Fällen gibt, soll-ten diese ein offenes, abschätziges Taxie-ren vermeiden. Auch wenn es schwerfällt. Andere Gäste bekommen es mit, und das ist nicht gewollt. Leider wurden wir auch in allen besuchten Berliner Hotels am Desk mit sehr wenigen Worten bedacht. Sprechen Sie mit Ihren Gästen! Überbrü-cken Sie das Prüfen der Verfügbarkeit mit alltäglichen Nettigkeiten oder Rückfragen. Wir haben dies auch bei anderen Gästen im FO beobachtet. Peter Rothenhäusler ist Hotel- und Tourismusberater sowie Qualitätstrainer SQD II. www.rothenhaeusler-hobe.de DER AUTOR Eine Prostituierte in einem Fünf-Sterne-Hotel! Wie verhalten sich Ihre Mitarbeiter, das Management? Und wie stellt sich dies im Jahr 2015 dar? Ein neuer Servicetest. servicetest 12/2015 21


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