Teller aus Europa

first_class_11_2015

Teller aus Europa Manchmal verpflichtet Tradition nicht zwangsweise, sondern ist einfach eine Stellenanzeige, und das wiede-rum eine irre Geschichte. Denn als der Fran-zose Nicolas Luc Villeroy Mitte der 1980er Jahre im Zug sitzt und in der Zeitung eine Vertriebsstelle für Frankreich und Deutsch-land entdeckt, ist er sofort Feuer und Flam-me. Nur der Unternehmensname lässt ihn kurz zögern, weil er zwar weiß, dass seine Eltern irgendwie mit der Keramik-familie Deutsch, französisch, luxemburgisch – nur wenige spiegeln heute noch so sehr die Europa-Idee wider wie Villeroy & Boch. Mit Innovationen hat das Unternehmen vor allem in Krisen immer am meisten gewagt, und meist gewonnen. Villeroy verwandt sind, aber keiner mit dieser bisher viel zu tun hatte. „Trotzdem bewarb ich mich dort, bekam die Stelle als Export Manager und konnte bald viele span-nende Aufgaben übernehmen“, erzählt heu-te Nicolas Luc Villeroy beim Essen im Mett-lacher Schloss Saareck, dem Gästehaus des Unternehmens. Seinen Nachnamen wollte er dabei nie im Vordergrund wissen, be-scheiden und mit viel Arbeit und Eifer zeich-net er heute als Vorstand der Tischkultur verantwortlich. Wendelin von Boch, der für die achte Generation des 1748 gegründeten Unternehmens Boch steht, sitzt wiederum im Aufsichtsrat der Villeroy & Boch AG. Und alle zusammen leben die Idee eines Unter-nehmens, das vor fast 180 Jahren aus den einstigen Keramikkonkurrenten Boch und Villeroy hervorgegangen ist. Um gegen die dominierende englische Industrie zu beste-hen, hatten sich beide 1836 zusammengetan und gelten damit bei Wirtschaftshistorikern als einer der ersten Global Player des 19. Jh.. Seitdem haben sie viel erlebt, was man heute unter dem europäischen Gedan-ken versteht. Sei es, dass die Familien in Kriegen auf verschiedenen Seiten kämpfen mussten, und sich am Abend dennoch in den Armen lagen. Sei es, dass nach dem Zwei-ten Weltkrieg die Werke in Breslau, Dresden und Torgau ent-eignet wur-den, während die saarländi-schen Werke bis zur Wäh-rungsumstellung 1959 in den französischen Wirtschaftsraum eingegliedert wurden. Heute produziert Villeroy & Boch im saarlän-dischen Merzig vollautomatisiert die Tisch-kultur- Flachware und im sächsischen Torgau die Hohlware mit Tassen etc. Zwischen dem 36 11/2015


first_class_11_2015
To see the actual publication please follow the link above