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Fotos: Hotel-Restaurant Anne Sophie Integrationsbetriebe Menschen mit Behinderung bieten. Denn in man-chen Punkten ergibt sich für die betreffenden Betriebe auch eine Benach-teiligung gegenüber marktüblichen Hotels. „Manche Dinge laufen bei uns langsamer“, erklärt Yvonne Schmidt vom Anne Sophie (F. u.). „Wir kalkulieren z. B. für eine Zimmerreinigung etwas mehr als die üblichen 20 Min. ein.“ Und Martin Bünk erläutert: „Natürlich gibt es eine Min-derleistung im Vergleich zu Menschen ohne Einschränkungen, und wir haben einen hö- heren Aufwand im Personalbe- reich. Die Hotels brauchen deut- lich länger für die Einarbeitung und die Beglei-tung und auch mehr Personal.“ Auf der anderen Seite können die Betriebe aber mit ihrer beson-deren Kommu- nikations- und Willkommens- kultur punkten. „Was bei uns anders ist, lässt sich nur schwer Handhygiene greifen. Unsere Gäste sagen uns aber immer wieder, es gibt einen Unter-schied bei euch, es ist eine Art zwischenmenschliche Entschleunigung“, ergänzt Martin Bünk. Yvonne Schmidt stellt einen „respektvolleren“ Umgangston unter den Mitarbei-tern fest: „Behinderte Menschen sind sehr ehrlich, sehr direkt, aber auch freundlich, loyal und offen. Man lernt voneinander und geht auch anders miteinander um. In unserer Küche wird nicht geschrien.“ Inklusion statt Spezialisierung Doch Inklusion kann auch als „Betriebsretter“ agieren, wie im Fall des Aura Hotels Bad Meinberg, das 2013 wegen Liquiditätsengpässen in die Insolvenz gehen musste. Der Grund: Der Blinden- und Sehbehinderten- Tourismus in Deutschland geht dramatisch zurück. Die Aura-Hotels, die mehrheitlich im Eigentum der Landesverbände der Blinden-Selbsthilfe stehen und lange als Blinden-Kurheime glänzend operierten, hätten seit der Gesundheitsreform und Quasi-Abschaffung des Kurwesens mit einem ernsten Auslastungsproblem zu kämpfen, erklärt Geschäftsführer Johannes Willenberg: „Meine Prognose ist, dass es in fünf Jahren in Deutschland keine reinen Blinden- und Sehbehinderten-Hotels mehr geben wird.“ Doch wie weiter existieren? Für das Aura Hotel Bad Meinberg war Inklusion die Lösung. Das barrierefreie 71-Zimmer-Hotel, das von einer privaten Betrei-ber- GmbH geführt wird, positioniert sich gerade mit dem Claim „Bildung und Erholung ohne Barrieren“ neu und spricht Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen an bei einem stark ausgebauten Kursangebot. „Wir hoffen, es gelingt uns, den starken Gästerückgang damit aufzufan-gen“, sagt Johannes Willenberg. Neue Perspektiven könnten sich auch für die Positionierung als Tagungsstätte bzw. Konferenzhotel ergeben sowie als Ziel für Gäste im fortgeschrittenen Alter. Denn Johannes Willenberg sieht sein Hotel in puncto barrierefreie Ausstattung und aufmerksamer Gästebe-treuung gegenüber anderen klar im Vorteil. Nathalie Kopsa konzepte er. Yvonne Schmidt möchte ebenso wenig von einem Charity-Faktor als Buchungstreiber wissen: „Unsere Ansprüche sind genauso hoch, wie in jedem anderen Drei-Sterne-Plus-Haus, schließlich haben wir auch noch ein Sterne-Restaurant. Die Gäste kommen mit einer hohen Erwartungs-haltung.“ Manches läuft langsamer Die Embrace-Hotels unterliegen als gemeinnützig eingestufte Betriebe dem reduzierten Mehrwertsteuersatz. Martin Bünk sieht darin eine Aus-gleichsabgabe für die Unterstützung, welche die Hotels als anerkannte Praxisbeispiel Eventgastronomie: www.dialog-portal.info/katrin8 Zertifizierungsoptionen: Der Verein Dunital, der sich für die Belange und Interessen von Menschen mit eingeschränkter Mobilität einsetzt, zertifiziert Hotels und Gaststätten im Bereich „Barrierefreiheit“ mit „Papillonen“ (Schmetterlinge). Mit Vereinen und Verbänden wie „Aktion Mensch“ zusammen-arbeitend, berücksichtigt er dabei auch die Erfüllung von Teilkriterien: Wenn ein Hotel nur für ein Kriterium der Barrierefreiheit in Frage kommt, dann wird auch nur für dieses Kriterium der Papillon vergeben. Über die zertifizierten Betriebe informiert Dunital auf seiner Website. www.dunital.eu INFO 170 Kompendium 2015


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