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editorial Urlaub von der Globalisierung Man kann sich in turbulenten Zeiten wie diesen fragen: Wie politisch dür-fen Hoteliers sein? Sich positionieren, in einer Welt, die nicht mehr nur auf dem Bildschirm aus den Fugen gerät, sondern auch vor unserer Haustür? Die vielen „Je suis Charlie“-Bekundungen im Januar ha-ben wegen der Ereignisschwere eine Stel-lungnahme, ein solidarisches Bekenntnis für zahlreiche Menschen und Institutionen so populär, leicht und legitim gemacht, wie es hierzulande selten zu erleben ist. Zu-gleich gehen derzeit aber auch jede Woche tausende Bürger auf die Straße, die ihrer Politik- und Gesellschaftsverdrossenheit Luft machen. Und Tausende bekunden wiederum in ihrer Reaktion, dass sie ande-rer Meinung sind. In der Hotellerie und Gastronomie – das betonen immer wieder viele Branchenver-treter und behalten meist wahrscheinlich auch Recht – hat Politik grundsätzlich nichts zu suchen. Gastgeber sollten neutral blei-ben. Gastgebertum heißt, dass im Rahmen der gesetzlichen Spielregeln fast jeder ins Hotel einkehren und am Stammtisch & Co. seine großen und kleinen Probleme diskutieren darf. Diskretion ist dabei traditionell ein Hotelselbstverständnis. No religion, no politics. Das gilt auch für uns Fachmedien. Also warum dann an dieser Stelle darüber reden? Weil es die Ironie der Geschichte ist, dass unsere Tourismusindustrie und die Hotellerie aus der reinen Sales- und Mar- ketingsicht von den aktuellen Bedürfnissen der Deutschen profitieren könnten. S oziologen sind sich mittlerweile recht einig: Die einen schreien auf der Straße und im In-ternet, dass sie gerade nichts mit der konfliktreichen, instabilen Welt zu tun haben wollen und sie selbst wieder in den Fokus der Politik rücken möchten. Die anderen kaufen harmlos und stetig neue Weltaussteigermagazine wie „Emotion Slow“ und „Landlust“, füllen das beigelegte Ausmalbuch für Erwachsene aus oder greifen zur Häkelnadel für die neue Fa-miliendecke. Jeder von ihnen will sich ins Pri-vate einigeln, in vertrauten Gefilden bleiben, sich mit sich selbst beschäftigen – und es sind gerade die Wellness-/Natur-/Bio-/Land-Hotels etc., die den Urlaub von der globalisierten Welt liefern können. Die eine private Alterna-tive entgegensetzen. Ob bei einem Bastelkurs, einem Achtsamkeitstraining oder einfach nur bei einem unaufgeregten ehrlichen Abendes-sen zu zweit – seien Sie sich dieser Gästebe-dürfnisse bewusst und richten Sie Ihr Angebot danach aus. Sie können versprechen, die Prob-leme der Welt vor der Rezeption zu lassen. Sie können dem Wort Privathotel noch einmal eine ganz andere Bedeutung verleihen. Die Proble-me in der großen Welt werden dadurch wahr-lich nicht kleiner, aber rücken für die Gäste in die Ferne. Und vielleicht sind sie nach diesem „Selbstfindungstrip“ auch wieder bereiter dazu, Interesse an den Weltkonflikten und an-deren Menschen zu zeigen. Sylvie Konzack, Chefredakteurin BEST of Market Stimmen Sie online ab! Der renommierte Branchenleserpreis geht in die fünfte Runde. Beurteilen Sie die Leistung Ihrer Industriepartner 2015 und gewinnen Sie einen von über 20 Preisen! NEU: Jetzt als übersichtliche und vereinfachte Online-Umfrage: www.gastroinfoportal.de/bom


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