Die Vielfältige

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Foto: Hotel zur Post Die Vielfältige karriere Theresa Albrecht (44) leitet den Familienbetrieb Hotel zur Post im oberbayrischen Rohrdorf seit 16 Jahren. Neben dem Vier-Sterne-Haus führt die dreifache Mutter damit erfolgreich eine große bayrische Gastronomie sowie eine Metzgerei, die ihrem Vater Andreas Stocker besonders am Herzen lag und seit den Ursprüngen des Familienunternehmens um 1803 den Kern bildet. Für ihr Engagement und ihre Courage gewann sie u. a. den Jungunternehmerpreis der Stiftung Köln Handwerk. Frau Albrecht, wie kam es dazu, dass die männliche Erbfolge der Stockers von Ihnen als erste Frau abgelöst wurde? In der Tat wurde unser Familienbetrieb bis zur letzten Generation immer vom Erstgeborenen der Familie Stocker geführt, und der hieß immer Andreas Stocker. Ich bin die Zweitälteste von fünf Geschwistern, und als sich herauskristallisierte, was meine Eltern lange nicht glauben wollten – dass der Erstgeborene, den Betrieb nicht übernehmen wird – fiel die Entscheidung auf mich. Obwohl meine Eltern immer darauf bedacht waren, dass er nicht Abitur macht, sondern alle nötigen Ausbildungen zum Metzgermeister, Koch und im Hotelfach absolviert, tat er das Gegenteil und ging an die Uni. Ich dagegen wollte ohnehin in die Fußstapfen meiner Eltern treten und hatte bei der Entscheidung bereits das Abitur an der Innsbrucker Hotelfachschule Villa Blanka und ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Hotel- und Restaurantmanagement absolviert. Als mich der Ruf in die Heimat erreichte, hatte ich nach einigen Erfahrungen in der Kettenhotellerie gerade im Steigenberger Venusberg Bonn gearbeitet. Fiel Ihnen die Entscheidung, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, leicht? Natürlich erfüllte mich der Vorschlag meiner Eltern mit Stolz und Freude. Ich hätte mich aber nie dafür entschieden, wenn mein Mann diese Wahl nicht mitgetragen hätte. Das hätte nicht funktioniert, schon wegen der vielen Arbeit am Wochenende. Die Übernahme war eine Entscheidung fürs Leben, es ist wie ein Klotz am Bein, den man nie mehr loswirst. Denn du verkaufst einen elterlichen Betrieb nicht leichtfertig, schon weil die Familie seit Generationen ihr Herzblut hineingesteckt hat. Da ich dies alles sehr ernst nahm, war die Entscheidung, – als es wirklich soweit war – nicht einfach für mich. Die enorme innere Anspannung, unter der ich zu dieser Zeit stand, manifestierte sich sogar körperlich: Ich musste damals ständig Cortison schlucken, weil ich so starke Hautprobleme hatte. Wieso wollten Sie die Fleischerei am Leben erhalten? Meine Eltern steckten ihr Herzblut in alle drei Standbeine des Betriebs, doch die Metzgerei lag meinem Vater immer besonders am Herzen. Dabei kommt mein Leitgedanke zum Tragen: Immer am Ball bleiben und trotzdem Traditionelles wahren. Deshalb wird bei uns zwar modernisiert wenn nötig, gewisse Dinge behalten wir aber bei. Davon abgesehen finde ich, dass unsere Gastronomie durch die Metzgerei und die eigene Schlachtung profitiert. Sie ist aber auch für die Nahversorgung des Dorfes extrem wichtig. In Rohrdorf gibt es nicht einmal mehr ein Lebensmittelgeschäft, nur noch zwei Bäcker und uns, da der Ort im städtischen Einzugsgebiet Rosenheims liegt. Wenn wir allerdings gewusst hätten, was mit der neuen EU-Zulassung in Sachen Schlachten auf uns zukommt, hätten wir diesen Unternehmensteil wahrscheinlich sein lassen – genauso wie die eigene Rinderaufzucht, die wir noch bis 2008 betrieben. Die neuen europaweiten Vorschriften kosteten uns gut 150.000 . Wie war es für Sie, von der Top-Hotellerie in die Metzgerbranche zu wechseln? Es war eine Riesenumstellung, als ich auf einmal wieder Gummistiefel anhatte. Die gehobene Hotellerie, in der ich damals arbeitete, bildete eine ganz andere Welt. Ich hatte mit lauter Regierungsleuten und Prominenten zu tun. „Was, Frau Stocker, Sie haben keinen Chauffeur?“ wurde ich einmal gefragt. Doch ich wollte das für mich nie und habe mir meine Bodenständigkeit erhalten. Ein „normales“ Publikum liegt mir wesentlich mehr als das „gehobene“. Doch die Metzgerei war der einzige Unternehmensbereich, in dem ich mich wenig auskannte, und abgesehen von meinen Erfahrungen und Berührungspunkten in meiner Kindheit, brachte ich hier kein Fachwissen mit. Daher beschloss ich, die Metzgerausbildung zu machen – und zwar wo mich keiner kennt, in einer kleinen Bioland-Metzgerei in Bonn. Nach einer verkürzten Gesellenzeit bestand ich die Meisterprüfung – ein sehr hilfreicher Weg, denn mein Vater verstarb vor zehn Jahren. Wieso haben Sie die Unternehmensbereiche Metzgerei und Gastronomie nicht einfach an Externe vergeben? Metzgerei und Gastronomie sind für unsere Qualität unheimlich wichtig. Eine Vergabe an Externe hätte sich daher als schwierig gestaltet. Gerade jetzt, da wir viele Lebensmittelskandale in den großen Lebensmittelketten erleben, haben wir einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Dies kostet zwar viel Geld, da wir aber in allen Unternehmensentscheidungen langfristig denken, zahlt sich das aus. Wie gelingt es Ihnen, diesen Spagat so erfolg-reich zu vollführen? Gastronomie wie Metzgerhandwerk sind harte Branchen – wer da einen Betrieb übernimmt und führt, muss wirklich dahinter stehen, sonst wird es nichts. Unser Familienbetrieb hat einen Top-Mitarbeiterstamm. Dazu kommt, dass mein Mann und ich mit voller Überzeugung hinter dem Unternehmen stehen. Und meine Mutter ist, obwohl schon 72, auch noch mit voller Kraft dabei und unterstützt uns, wo es geht. Vielen Dank für das Gespräch. F. König Der Mut ist ihr eigen. Mit Ende 20 übernahm Theresa Albrecht einen Traditionsbetrieb, der ein Hotel, eine Fleischerei und ein Gasthaus vereint. 54 12/2013


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