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Uns wurde endlich klar, wie abhängig wir von den Por-talen sind“, bringt Kathrin Fuchshuber, Sprecherin der 38 Regensburger Hoteliers, die sich im September zusammengetan haben, um zehn Tage lang keine Zimmer über die kommerziellen Online-Buchungsportale anzu-bieten, die Motivation auf den Punkt. Ihre Aktion war als Protest gemeint: Sie sollte Wellen schla-gen in der öffentlichen Diskus-sion rund um den länger schwelenden Konflikt zwi-schen Hotel-lerie und den Buchungspor-talen und zu-sätzlich mehr Aufmerksamkeit auf das eigene provisionsfreie Buchungsportal lenken, das die Regensburger im Jahr zuvor ins Leben gerufen hat-ten. Die Gründe sind offenkun-dig: Teure Provisionen, das ihnen auferlegte Diktat über Raten-, Verfügbarkeitsklauseln und Kon-ditionen – sie haben das Verhält-nis zwischen den Parteien ver-giftet. „Wir wollen keinen Krieg mit den Portalen, sondern nur unsere unternehmerische Freiheit“, sagte Martin Stadtmüller vom Hansa- Apart Hotel kämpferisch, als die Aktion im Spätsommer das erste Mal bekannt gemacht wur-de. Der Rummel um die Aktion, die für die beteiligten Hotels mit Buchungsausfällen von bis zu 20 % gegenüber dem Vorjah-reszeitraum einherging, ist inzwischen weitgehend verpufft. Große Kampfansage Den Vertrieb endlich wieder in eigenen Hände nehmen – das wünschen sich viele in der Branche. Eugen Block, Unter-nehmer und Eigentümer des Grand Elysée Hamburg, z. B. will seit ein paar Wochen gegen die Buchungsportale Zeichen set-zen und macht quasi im Alleingang öffentlich Stimmung ge-gen sie – so hofft er, dass durch die letzte Abmahnung von HRS durch das Bundeskartellamt „der Markt wieder zurechtgerückt“ wird. Seine Kampfansage lässt er öffentlich mit großformatigen Anzeigen in großen Tageszei-tungen austragen – mit dem Versprechen, dass der Gast sein Zimmer bei Direktbuchung zum garantiert besten Preis erhält und wenig später mit der Aussicht auf einen Rabatt auf den Bestpreis bei Direktbuchung. „Denn Sie sind ja bei uns zu Gast und nicht bei einem anonymen Buchungs-portal“, schließt der Aufruf im Anzeigentext. Das Beispiel zeigt, dass die Branche fast schon ver-zweifelt nach Alternativen sucht. Und Eugen Block hofft, dass sich ihm weitere Hoteliers an-schließen. Gegenüber first class bemerkt er: „Ein Umdenken der Hoteliers ist erforderlich. Sie müssen viel selbstbewusster werden. Sie haben einen hohen Stellenwert, denn sie erbringen die eigentliche Leistung für den Gast. Deshalb müssen sich die Hoteliers unabhängiger von den Buchungsportalen machen, in-dem sie den Gästen bessere und günstigere Möglichkeiten zur direkten Reservierung bieten.“ Kein Modellcharakter Den Portalen die Zusammenarbeit ganz aufzukündigen, wie Eugen Block im Interview droht, halten Vertriebsexperten wie der Potsdamer Hotelberater Andreas Stefanis für die schlechteste aller Lösungen. Für ihn ist die Kam-pagne purer Aktionismus ohne Modellcharakter für die Branche: „Ohne Portale wird ein Hotelbetreiber viel mehr Zeit brau-chen, um sein Geschäft umzu-schichten. Gäste, die man vorher nicht hatte, haben die Portale für die Hotels generiert – das sollte man nicht vergessen. Um diese neu zu akquirieren, müsste jeder sein Geschäftsmodell überden-ken, sein Produkt- und Dienst-leistungsportfolio optimieren und die richtigen Technologien und Geld einsetzen, um sich zu ver-markten. Und das steht in keiner Relation zu den Provisionen, die ein kleiner, mittlerer oder gro-ßer Betrieb an die Portale zahlen muss.“ Auch Markus Luthe vom Hotelverband Deutschland (IHA) steht solchen Protestaktionen nicht ohne Vorbehalte gegen-über, auch wenn er Maßnahmen, die den Eigenvertrieb fördern, grundsätzlich begrüßt. Sein Ver-band pocht unermüdlich für die Stärkung des Direktvertriebs als die beste und nachhaltigste Mög-lichkeit für die Hotellerie, sich aus der Abhängigkeit der Bu-chungs-, Bewertungs- und Ver-gleichsportale zu lösen und hat dies anlässlich der jüngsten Ak-tualisierung der Hotrec-Check-liste erneut bekräftigt. Suchma-schinenoptimierte Hotelweb-sites mit einer für den Nutzer einfachen und komfortablen Buchungsmaschine, mit einzigar-tigem Content, exklusiven Ange-boten, authentischen Bildern und hilfreichen Zusatzinfos zählen zu den empfohlenen Parametern für einen erfolgreichen Direktver-trieb. online-vertrieb Ein Versuch des IHA mit dem Dehoga Bundesverband als erster Verband in Europa ein ei-genes multimediales Buchungs-portal mit einem niedrigen Provi-sionssatz auf die Beine zu stellen, war 2004 gescheitert – laut Mar-kus Luthe u. a. angesichts der fehlenden Akzeptanz und Unter-stützung der gastgewerblichen Betriebe. Eine „Neuauflage“ sei Aktionen wie der Regensburger Portalstreik und die Anti-Portal-Kampagne von Eugen Block zeigen, dass die Branche hektisch nach Alternativen zu den Buchungsportalen sucht. Mit Erfolg? Es wird für den Hotelier immer wichtiger, auf verschiedenen Plattformen präsent zu sein. Neben der eigenen Destination gehören dazu die ‚klassischen Kanäle‘ booking.com, hotel.de oder HRS. Aber auch die eigene Website muss online buchbar sein ... Detailliertes Wissen über die Technik der einzelnen Systeme wird immer wichtiger. Björn Ahrndt, Geschäfts- führer Hotline Hotelsoftware 12/2013 15


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